Warum Deutschlands Industrie nicht am grünen Strom scheitert – sondern am Festhalten an überholten Technologien

Dr. Erich Merkle

Gegendarstellung von Dr. Erich Merkle (CEO von GridParity AG) zum Beitrag von Miguel López (CEO Thyssenkrupp)

Die aktuelle Debatte um eine drohende Deindustrialisierung Deutschlands greift zu kurz, wenn sie auf die vermeintlich „unwettbewerbsfähige“ Energiewende reduziert wird. Der Eindruck, dass Sonne und Wind für die Industrie nicht ausreichen, ist schlicht falsch. Weltweit – auch in Hochlohnländern – zeigen zahlreiche Beispiele, dass grüner Strom längst industrietauglich ist und den Standort sogar stärken kann. Was die Transformation in Deutschland bremst, ist nicht der Ausbau der erneuerbaren Energien, sondern das Festhalten an überholten Technologien, wie es auch die Aussagen von Herrn López widerspiegeln.

Ein Blick auf die Stahlindustrie verdeutlicht, wie weit die Entwicklung bereits ist: Salzgitter AG etwa wird ab 2026 Stahl mit grünem Wasserstoff produzieren – gespeist aus Windstrom aus Norddeutschland. Auch ArcelorMittal hat Pilotprojekte gestartet, die auf erneuerbaren Energien beruhen. International finden sich weitere Vorbilder: In Kalifornien erzeugt die Commercial Metals Company schon heute Millionen Tonnen „Green Steel“ mit Solar-, Wind- und Wasserkraft. Die Mojave Micro Mill der Pacific Steel Group, derzeit im Bau, wird das erste nahezu klimaneutrale Stahlwerk Amerikas sein, betrieben überwiegend mit Photovoltaik- und Windstrom direkt vor Ort. In Schweden baut H2 Green Steel eine CO₂-freie Produktion auf – mit Investoren aus aller Welt, auch aus Deutschland. Überall dort zeigt sich: Die Technologie funktioniert, wenn man sie konsequent einsetzt.

Die eigentlichen Ursachen für Standortschwächen liegen woanders. Über Jahre haben deutsche Schlüsselindustrien den Umstieg verschlafen: Die Autoindustrie zögerte beim Elektromotor, Energieversorger bremsten den Ausbau von Wind und Sonne, nicht aus Kostengründen, sondern weil sie am Bestehenden verdienten. Hinzu kommen strukturelle Probleme: Fachkräftemangel, langsame Genehmigungsverfahren, überbordende Bürokratie und globale Produktionsverlagerungen in Sektoren, die ohnehin nicht mehr zukunftsfähig waren. Wer die hohen Energiepreise als alleinigen Treiber der Deindustrialisierung anführt, verschleiert diese hausgemachten Defizite.

Tatsächlich sind Solar- und Windstrom längst wettbewerbsfähig. Studien belegen, dass große PV-Freiflächenanlagen in Deutschland laut Fraunhofer ISE bereits Strom für rund vier bis fünf Cent pro Kilowattstunde liefern. In Südeuropa, etwa in Spanien, werden Solarparks sogar mit Kosten von nur zwei bis drei Cent pro Kilowattstunde gebaut – ein Niveau, mit dem fossile Energieträger dauerhaft nicht konkurrieren können. Ein Aspekt, der in der öffentlichen Debatte erstaunlicherweise kaum diskutiert wird: Nach zehn bis fünfzehn Jahren, wenn die Finanzierungsphase abgeschlossen ist, produzieren Photovoltaikanlagen Strom nahezu kostenlos – während fossile Kraftwerke ihr gesamtes Leben lang von ständig steigenden Brennstoffkosten abhängig bleiben. Genau deshalb sichern sich Unternehmen wie BASF, BMW oder Siemens Energy längst über langfristige Verträge ihren Grünstrom aus deutschen Solar- und Windparks. Auch Chemiewerke, Batteriefabriken und Aluminiumwerke setzen zunehmend auf solche PPAs. Das Bild vom angeblich unerschwinglichen Ökostrom gehört damit der Vergangenheit an.

Wer wie López fossile Strukturen verteidigt, riskiert, den Anschluss an die Zukunft zu verlieren. Geschichte und Gegenwart zeigen: Branchen, die zu lange am Status quo festhalten, verschwinden – Kodak und Nokia sind nur die bekanntesten Beispiele. Wachstum findet heute dort statt, wo Innovation, Digitalisierung, KI und Grünstrom zusammenkommen. Die Angst vor Deindustrialisierung dient deshalb oft als Schutzbehauptung für unterlassene Investitionen in Zukunftstechnologien.

Deutschland hat alles, was es für eine grüne, wettbewerbsfähige Industrie braucht: Technologieführer, Innovationskraft, einen großen Binnenmarkt, qualifizierte Arbeitskräfte und Zugang zu Kapital. Was fehlt, ist die Entschlossenheit, alte Zöpfe abzuschneiden. Die Transformation gelingt nicht durch Bremser, sondern durch Macher. Es ist höchste Zeit, den Sprung in neue Geschäftsmodelle, Technologien und erneuerbare Energien zu wagen – und genau das Gegenteil von dem zu tun, was Herr López empfiehlt.

Hinweis der Redaktion: Gastbeiträge geben ausschließlich die persönliche Meinung des Autors wieder und entsprechen nicht zwangsläufig der Haltung der Redaktion.

Newsletter

Melden Sie sich hier für unseren Newsletter an.
plus_circle [#C5272C]Created with Sketch.

Abonnement

Finden Sie hier alle Informationen.

Feldtests erfolgreich: Tesvolt Gewerbespeicher erzielen hohe Erlöse im Energiehandel

Anzeige

Der neue Gewerbespeicher Tesvolt Forton hat sich im Feld bewährt. Das melden der Batteriespeicheranbieter Tesvolt und das Tochterunternehmen Tesvolt Energy.

Der vielleicht leiseste Wechselrichter seiner Klasse – GoodWe’s neuer 50 kW String-Wechselrichter für Gewerbe und Industrie

Anzeige

GoodWe haben ihren neuen String-Wechselrichter mit 50 kW für Gewerbe und Industrie (C&I) auf den Markt gebracht.