Die EU hat Probleme damit, die für ihre Energie- und Klimaziele notwendigen Rohstoffe zu beschaffen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Europäischen Rechnungshofs, die gestern in einem Sonderbericht veröffentlicht wurde. Die meisten der benötigten Minerale werden laut dem Bericht »Kritische Rohstoffe für die Energiewende: Keine solide Strategie vorhanden« außerhalb der EU abgebaut und verarbeitet. Die Versorgung erfolge häufig aus einem einzigen Nicht-EU-Land oder einigen wenigen Nicht-EU-Ländern. So liefere beispielsweise die Türkei 99 Prozent des in der EU benötigten Bors, das für Solarmodule verwendet werde. Dies stelle eine Herausforderung für die strategische Autonomie der EU dar. Der Europäische Rechnungshof fordert deshalb eine Steigerung der heimischen Produktion und eine effizientere Nutzung der Ressourcen.
Das vom Europäischen Rechnungshof hervorgehobene Beispiel des Elements Bor macht deutlich, dass die Probleme noch etwas vielschichtiger sind als im 83-seitigen Bericht beschrieben. Bor wird in Spuren in der Solarzellenproduktion benötigt und ansonsten vor allem in Solarglas. Da mit der Solarglasmanufaktur Brandenburg der letzte europäische Solarglashersteller im Sommer 2025 Insolvenz angemeldet hat, wird das von der EU aus der Türkei bezogene Bor nicht für Solarmodule benötigt. Die in Europa verbauten Solarmodule kommen überwiegend aus China und das enthaltene Solarglas wird ebenfalls dort produziert. Auch China importiert den Großteil seines Bors. Laut dem Observatory of Economic Complexity (OEC) stammt rund ein Drittel des Bors aus der Türkei, der Rest aus den USA, Russland, Chile und Peru.
Insofern ist die EU zwar bei den für die Energiewende benötigten Solarmodulen nicht direkt von Bor-Importen aus der Türkei abhängig, indirekt aber sehr wohl – auch wenn sich diese Abhängigkeit auf mehrere nicht-europäische Länder verteilt. Und für den Aufbau der angestrebten europäischen Solarmodulproduktion inklusive Solarzellen und Solarglas wären ebenfalls Bor-Importe aus nur wenigen in Frage kommenden Lieferländern nötig. Zumindest solange die Empfehlungen des Europäischen Rechnungshofes nicht umgesetzt werden. Und hier macht der Bericht wenig Hoffnung: Bisherige Schritte der EU zur Diversifizierung der Einfuhren führten demnach nicht zu greifbaren Ergebnissen, Engpässe hemmten die heimische Produktion, und das Recycling stecke noch in den Kinderschuhen.
Angesichts dessen halten es die Prüfer für unwahrscheinlich, dass viele EU-geförderte Projekte noch im geplanten Zeitrahmen erfolgreich umgesetzt werden können. »Ohne kritische Rohstoffe wird es keine Energiewende, keine Wettbewerbsfähigkeit und keine strategische Autonomie geben. Leider sind wir bei der Versorgung mit diesen Rohstoffen heute in gefährlicher Weise von einer Handvoll Ländern außerhalb der EU abhängig«, so Keit Pentus-Rosimannus, die als Mitglied des Rechnungshofs für die Prüfung zuständig war. »Daher ist es für die EU entscheidend, sich stärker ins Zeug zu legen und ihre Verwundbarkeit auf diesem Gebiet zu verringern.«
© PHOTON


